Erziehung & Bildung Kolumnen

Die Schulbildung türkischer Migranten

Verpasste Chancen, Herausforderungen und Perspektiven

Die Schulbildung türkischer Migranten ist ein Thema, das sich nicht pauschal in wenigen Sätzen abhandeln lässt. In der öffentlichen Diskussion in Deutschland werden Bildung und Erziehung von Ausländern ganz allgemein schon seit langer Zeit vor allem als Problem, und nicht so sehr als Herausforderung und Chance wahrgenommen. Seit der ersten Pisa-Studie hat sich diese Wahrnehmung noch verstärkt, und ein besonders negatives Image haben inzwischen die türkischen Migranten. Warum ist das so?

Die Schulbildung türkischer Migranten ist ein Thema, das sich nicht pauschal in wenigen Sätzen abhandeln lässt. In der öffentlichen Diskussion in Deutschland werden Bildung und Erziehung von Ausländern ganz allgemein schon seit langer Zeit vor allem als Problem, und nicht so sehr als Herausforderung und Chance wahrgenommen. Seit der ersten Pisa-Studie hat sich diese Wahrnehmung noch verstärkt, und ein besonders negatives Image haben inzwischen die türkischen Migranten. Warum ist das so?

Sind Türken oder türkischstämmige Deutsche tatsächlich alle potenzielle Gesetzesbrecher, die der deutschen Gesellschaft eher schaden als nutzen? Und wenn auch nur ein Fünkchen Wahrheit daran ist – wo liegen die tieferen Ursachen für bestimmte negative Entwicklungen, und wie lassen sich diese am besten umkehren? Ist ein harmonisches Verhältnis von Deutschen und türkischen Migranten überhaupt realisierbar, oder ist es nichts weiter als ein Multi-Kulti-Wunschtraum aus längst vergangenen Jahrzehnten?

Die Beantwortung dieser Fragen erfordert eine umfassende Analyse der gesellschaftlichen Umstände, unter denen die Migranten heute leben. Dazu gehören vor allem das schulische Umfeld der Kinder und die familiären Verhältnisse. Letztere sind Produkte eines großen Migrationsprozesses von der Türkei in Richtung Deutschland, der in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts einsetzte. Er riss Tausende anatolische Familien aus ihrem ländlichen Kontext heraus und wirkt bis heute nach, was kaum zu übersehen ist. Die Entwurzelung der Eltern macht es selbst den Kindern der heutigen vierten Generation der Türken in Deutschland schwer, eine eigene Identität zu finden. Deshalb möchte ich hier zunächst eine kleine Reise in die Geschichte unternehmen und einen historischen Überblick über die Migration nach Deutschland geben, der viele Probleme von heute verständlicher machen wird. Leider ist die ganze Debatte im Moment mit Vorurteilen und Klischees überladen. Ich hoffe jedoch, dass schon diese kurze Reise einige von ihnen entkräften und den Blick auf ein lösungsorientiertes Handeln freigeben kann.

Ein historischer Überblick

Oft sind es gerade die leisen, sich zunächst fast unbemerkt abspielenden Entwicklungen, die den Zug der Geschichte von Ländern und Menschen auf ganz neue Gleise führen. Als in den 60er Jahren die ersten türkischen ‚Gastarbeiter’ in Deutschland eintrafen, ging wohl noch niemand davon aus, dass diese Menschen aus einem fremden Kulturkreis hier ihre Heimat finden und eine eigene Kultur etablieren würden. Deutschland, das im 2. Weltkrieg quasi dem Erdboden gleichgemacht wurde, erfuhr in den Nachkriegsjahren einen beinahe unglaublichen Aufschwung. Tausende von zusätzlichen Arbeitskräften wurden im Ausland engagiert. Auch aus der Türkei lud man im Rahmen des Anwerbeabkommens vom 30. Oktober 1961 ‚Gastarbeiter’ ein.

Diejenigen, die sich auf den Weg machten, waren Junggesellen aus ländlichen Gebieten Anatoliens. Bis es diesen Menschen schließlich gelang, Deutschland als ihre Heimat anzunehmen, sollten viele Jahre vergehen, die einen hohen Preis forderten. Zahllose Lieder wurden gesungen, schwere Arbeiten wurden verrichtet und über allem schwebte das Heimweh. Am allerwenigsten ging es in den ersten Jahren um die Bildung der Migranten. Die Ausländer kamen für eine bestimmte Zeitspanne nach Deutschland, so dachte man. Sie sollten hier arbeiten, etwas Geld verdienen und dann wieder zurückkehren. So sahen es beide Seiten – die Deutschen wie auch die Türken.

Max Frisch schrieb später einmal, dass man „Arbeitskräfte rief, aber Menschen kamen”, und kritisierte damit die frühe deutsche Gastarbeiter-Anwerbe-Politik. Er wusste, dass jeder Mensch neben seiner Arbeitskraft auch Gefühle, Gedanken, Kultur, Religion, Glauben, Kinder, Familien usw. besitzt. Nur wenn all diese Faktoren mit berücksichtigt werden, ist ein harmonisches Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen möglich. Da dieser Tatsache aber keine Beachtung geschenkt wurde, war abzusehen, dass es irgendwann zu Problemen kommen würde.

Was Max Frisch hier so schön formulierte, machte sich leider kaum ein fachkundiger Soziologe und auch kein scharfsinniger Politiker bewusst. Es waren eben Menschen, die da kamen – Menschen mit einer eigenen Religion, mit eigenen kulturellen Werten, mit einer ganz anderen Mentalität. Bauern aus ärmlichen ländlichen Gebieten wurden praktisch über Nacht in ein aufstrebendes Industrieland versetzt; Muslime mit niedrigem Bildungsgrad und engem kulturellen Horizont mit einer für sie hochmodernen, vom Christentum geprägten Gesellschaft konfrontiert. Zwei Kulturen prallten aufeinander, die kaum weiter voneinander entfernt hätten sein können. Und doch gab es solange kaum größere Probleme wie die fremden Arbeitskräfte gebraucht wurden – nämlich während der Produktivzeit der ersten Generation. Begriffe wie Integration, Sprachschwierigkeiten, Anpassung oder Leitkultur kamen erst gar nicht auf den Tisch.

Im Jahr 1974 wurde dann das so genannte ‚Familienzusammenführungsgesetz’ verabschiedet. Es ermöglichte den in Deutschland tätigen Arbeitern, ihre Familien und Kinder nach Deutschland nachzuholen. Damit erhielt das Zusammenleben von Deutschen und Türken – wenn man überhaupt von einem Zusammenleben sprechen konnte – eine neue, nunmehr gesamtgesellschaftliche Dimension. Unter den Türken wuchs das Bedürfnis nach festen Strukturen für den Alltag in Deutschland, das damit langsam aber sicher als neue Heimat akzeptiert wurde: Man gründete türkische Exportläden, Gemüseläden, Supermärkte und Dönerstuben. Man schloss sich in türkischen Sportvereinen zusammen und traf sich in Teestuben, die als Vereinsräume, Wettstuben oder einfach als feste Treffpunkte fungierten. Vor allem aber wurden immer neue Moscheevereine gegründet, in denen man religiösen Bedürfnissen wie z.B. dem Freitags- und Festgebet nachkommen konnte und die religiöse Erziehung der muslimischen Kinder zu gewährleisten versuchte. All dies lieferte erste Hinweise darauf, dass ein Umdenken stattfand und sich die Türken mit einem langfristigen Aufenthalt in Deutschland anzufreunden begannen. Doch die Kultur, die die ‚Gastarbeiter’ aus Anatolien mitgebracht hatten, entwickelte sich kaum weiter. Sie war gewissermaßen eingefroren und kämpfte um ihr Überleben.

Deutschland war de facto zu einem Einwanderungsland geworden, und kaum jemand hatte es bemerkt. Viele unterschiedliche Kulturen waren ins Land gekommen, und eine multikulturelle Gesellschaft war entstanden. Leider fehlte es weiterhin an allen Ecken und Enden an schlüssigen Konzepten für ein friedvolles Miteinander von alten und neuen Bürgern. Auch die Politik befasste sich lieber mit anderen Themen, die die Aufmerksamkeit ihrer deutschen Wähler stärker fesselten. Wenn man heute zurückschaut, gewinnt man den Eindruck, als hätte damals das ganze Land kurzerhand beschlossen, die Probleme, die nun vermehrt auftraten, einfach auszusitzen. Die deutsche Seite betrachtete die ‚Gastarbeiter’ nach wie vor als Zeitarbeiter, und auch diese selbst wollten sich noch nicht wirklich eingestehen, dass sie selbst, ihre Kinder und ihre Enkel wohl für immer in Deutschland bleiben würden.

Ein Bestandteil der neuen multikulturellen Gesellschaft in Deutschland war und ist die islamische Kultur, deren Repräsentanten in erster Linie die oben erwähnten türkischen ‚Gastarbeiter’ waren. Als problematisch für das Zusammenleben erwies sich vor allem die Tatsache, dass die einheimische Bevölkerung kein Interesse daran zeigte, die fremde Kultur näher kennen zu lernen. Obwohl Anatolien doch viele große Zivilisationen in der Geschichte hervorgebracht hatte, reduzierte man die Türken hier zu Lande auf vier oder fünf negativ besetzte Begriffe, was historisch bedingte Vorurteile noch verstärkte.

Das Desinteresse der Deutschen war zum Teil wohl damit zu begründen, dass die Menschen aus Anatolien es nicht schafften, eine dynamische Kultur, in der eine gewisse Einigkeit herrschte, zu verkörpern und nach außen hin zu präsentieren. Doch wie hätte ihnen das überhaupt gelingen können? Diese Menschen, die aus anatolischen Dörfern stammten und denen die deutsche Art zu leben in jeder Hinsicht fremd war, passten sich nicht in erster Linie der Gesellschaft an, sondern vielmehr ihren ‚Arbeitsplätzen’. Mit einer ‚Deutschländer-Kultur’, die sie ganz allmählich entwickelten, arrangierten sie sich mit ihrem Leben zwischen Haus und Arbeitsplatz. Obwohl die ersten ‚Gastarbeiter’ große Sprachdefizite aufwiesen, genügte ihnen diese Minimalanpassung jahrelang, um ihren Alltag zu bewältigen. Ihr Verhalten führte jedoch zu einer Art Gettoisierung; Ansätze einer muslimischen ‚Parallelgesellschaft’ entstanden, bei der zahlreiche unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielten, die hier nicht alle aufgelistet werden können. Nur ein Beispiel: Jahrelang wurden Migrantenfamilien, die einen Sozialwohnungsantrag stellten, fast immer in die gleichen, fast ausschließlich von Migranten bewohnten Bezirke geschickt, wo eine Kontaktaufnahme mit der deutschen Bevölkerung schwierig, ja fast sogar unmöglich war. Integrationsbestrebungen hatten und haben es schwer, an dieser Tendenz etwas zu ändern. Abhilfe schaffen kann in diesem Fall wohl nur eine bessere Bildungssituation, die den Zugang zu besser bezahlten Arbeitsplätzen und einem Umzug in Stadtviertel mit mehr Wohnqualität und mehr Kontakten zur einheimischen Bevölkerung öffnet.

Das Leben der ersten beiden Generationen spielte sich bei Maschinenlärm in den Fabriken oder auf Spaziergängen und Picknicks entlang des Rheins ab. Erst ganz allmählich gelang es, eine etwas familiärere Atmosphäre zu schaffen und aus Gemeinschaftsunterkünften in eigene Wohnungen umzuziehen.

Die dritte Generation besuchte dann auch deutsche Schulen, hatte jedoch große Probleme, die hohen Anforderungen zu erfüllen. Da sich mit schlechten Abschlüssen und erlahmender Wirtschaft auch die Jobsuche zunehmend schwierig gestaltete, ging der Trend weiter in Richtung Absonderung von der Mehrheitsgesellschaft. Frustration machte sich breit. Inzwischen wächst die vierte Generation von Türken in Deutschland auf, und es steht zu befürchten, dass viele Angehörige dieser Generation in ‚Gettos’ oder in gettoähnlichen Vierteln groß werden, nämlich in fast ausschließlich von Migranten und insbesondere Türken besiedelten Gegenden.

Unter anderem durch diese Entwicklung häuften sich vielerorts Reibungen zwischen der türkischen Diaspora und den Deutschen. Das Verhältnis der Angehörigen beider Gruppen in Schule, Kindergarten, Beruf und Sport litt immer mehr. Im Laufe von nunmehr über 45 Jahren spitzten sich viele Probleme immer weiter zu. Ein Gutes hatte diese Entwicklung aber zumindest: Endlich erkannte man, dass man sich aktiv um das Zusammenleben bemühen muss. Und das halte ich für ganz entscheidend. Niemand sollte bestehende Probleme überbewerten oder gar für unlösbar erklären. Das Wichtigste ist, dass man sie tatkräftig angeht und nicht vor ihnen die Augen verschließt. In dieser Hinsicht hat sich in den letzten Jahren ja auch schon einiges getan. Festhalten möchte ich an dieser Stelle noch, dass Konflikte zwischen einheimischer Bevölkerung und Migranten beileibe kein rein deutsches Phänomen sind, was in jüngster Zeit die Auseinandersetzungen in den Vorstädten von Frankreich belegt haben. Schließlich ist es eine sehr schwierige Aufgabe, von ‚Gastarbeitern’ zu Einheimischen zu werden bzw. diesen Prozess als Einwanderungsland zu begleiten.

Migration hin zur Bildung

Hauptkonfliktpunkte zwischen der deutschen Gesellschaft und den hier heimisch gewordenen Migranten aus der Türkei und ihren Kindern sind Bildung, Sprache und Religion. Fakt ist, dass viele Türken große Sprachdefizite im Deutschen haben, besonders diejenigen, die durch Eheschließungen direkt aus der Türkei kommen, und dass ihr Bildungsniveau durchaus höher sein könnte. Fakt ist auch, dass ihre Religion, der Islam, in den Augen der Deutschen ein sehr schlechtes Image hat, das seinem tatsächlichen Bild in keiner Weise gerecht wird.

Erst seit relativ kurzer Zeit wird auch von den Migranten selbst in aller Deutlichkeit erkannt, wie wichtig und wertvoll Erziehung und Bildung sind. Erst ganz allmählich findet auf ihrer Seite eine ‚Migration hin zur Bildung’ statt. Wenn man in längeren Prozessen zu denken gewohnt ist, hat diese soziologische Entwicklung gerade erst begonnen. Erst nachdem viele der eigenen Kinder ihre Existenz auf immaterieller, spiritueller Ebene verloren haben und auf die schiefe Bahn geraten sind, hat besonders bei den Eltern ein Umdenken stattgefunden. Viele haben erkannt, dass sie nicht nur ihre materielle, sondern auch ihre geistige Existenz sichern müssen. Beides funktioniert am besten mit Hilfe einer guten Erziehung und Bildung. Damit scheint mir der erste wichtige Schritt in eine harmonischere und bessere Zukunft gemacht. Die Entwicklung von Kindern hängt immer in erster Linie von den Eltern ab. Deshalb kann gar nicht oft genug betont werden, dass diese eine positive Einstellung zu Lernen und Bildung haben sollten. Neueren Studien zufolge wünschen sich aber inzwischen bereits über 50% der türkischen Eltern für ihre Kinder einen Hochschul- und über 75% einen Realschulabschluss. Demgegenüber verfügen immerhin 12% aller Türken über keine abgeschlossene Schulausbildung. Heute leben ca. 1,9 Millionen Türken mit türkischem Pass in Deutschland. Mehr als ein Drittel von ihnen wurde schon hier geboren. Ca. 420.000 türkische Kinder besuchen deutsche Schulen; die weitaus meisten, nämlich ca. 39% (165.000) eine Grundschule, aber nur ca. 5% (23.500) ein Gymnasium. Ca. 23% (97.000) gehen auf eine Hauptschule, ca. 8,5% (35.000) auf eine Gesamtschule, ca. 10% (41.000) auf eine Realschule und ca. 7% (28.300) auf eine Sonderschule. Über 30.000 türkischen Auszubildenden stehen etwa 24.500 türkische Studenten gegenüber, die an deutschen Universitäten und Hochschulen eingeschrieben sind. (Diese Angaben sind dem Bericht ‚Strukturdaten und Integrationsindikatoren über die ausländische Bevölkerung in Deutschland’ [2003] des Statistischen Bundesamtes Wiesbaden entnommen.) Diese Zahlen beziehen die inzwischen 700.000 Türken mit deutschem Pass nicht mit ein. Hinzu kommen weitere ca. 175.000 (von 2000 bis 2004) in Deutschland geborene türkische Kinder, die in den Statistiken als Deutsche geführt werden. Die Zahlen deuten bereits an, wie wichtig die Erziehungs- und Ausbildungsfrage der türkischen Kinder in Deutschland ist.

In vielen Städten haben türkische Migranten inzwischen selbst Bildungseinrichtungen gegründet, die sich für den schulischen Erfolg u.a. der türkischen Kinder und Jugendlichen einsetzen. Sie fördern besonders die deutsche Sprache und bieten ihnen auch Halt als soziale Institution. Sie veranstalten Freizeitaktivitäten und holen die Kinder und Jugendlichen so von der Straße. Es wäre schön, wenn solche Einrichtungen auch von staatlicher Seite mehr Förderung erhielten, da sie eindeutig dem Wohle der Gesellschaft dienen.

Die ‚Migration hin zur Bildung’ kann entscheidend dazu beitragen, alle Probleme und offenen Fragen in Bezug auf das Zusammenleben an der Wurzel zu bekämpfen bzw. zu lösen. Wenn ihr dies gelingt, besitzen auch und gerade so unterschiedliche Kulturen wie die türkische und die deutsche die Chance, sich gegenseitig zu ergänzen und harmonisch eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.

Auf beiden Seiten jedoch existieren große Ängste: Während viele Türken befürchten, sie selbst oder ihre Kinder müssten zwangsläufig die Bindung an die Heimat verlieren, wenn sie sich zu weit auf die deutsche Kultur einließen, haben Deutsche oft Angst, ihr Land werde seine Identität verlieren, wenn es fremden Kulturen zu weit entgegenkomme. Diese Ängste lassen sich nur dadurch überwinden, dass die beiden Parteien aufrichtige Dialoggespräche führen, sich und ihr kulturelles Hinterland noch näher kennen lernen und in gemeinsamen Projekten nach Lösungen für gesamtgesellschaftliche Probleme suchen. Die Gesprächspartner sollten einander mit Respekt begegnen. Niemand sollte sich über den anderen erheben und darauf pochen, der andere müsse sich ihm anpassen.

In meinen Augen ist es unerlässlich, dass die türkischen Migranten auf die deutsche Gesellschaft zugehen und sich um Sprachkenntnisse, Allgemeinbildung und Kultur bemühen. Sie sollten auch versuchen, die Vorurteile der meisten Deutschen gegenüber ihrer Religion zu korrigieren. Denn diese beruhen vor allem auf Unkenntnis und auf falschen oder oberflächlichen Darstellungen in den Medien. In Wirklichkeit kann gerade der Islam der Gesellschaft einige wichtige soziale und spirituelle Werte und Prinzipien anbieten. Auf der anderen Seite müssen die Deutschen den türkischen Migranten aber auch entgegenkommen und versuchen, sie zu verstehen, ihnen näher zu kommen und sie als gleichwertige Menschen wahrzunehmen. Eine solche Annäherung sollte sowohl auf persönlicher als auch auf staatlicher Ebene erfolgen. Da Glaube und Religion in der deutschen Gesellschaft allerdings keinen allzu hohen Stellenwert besitzen, ist es vielleicht am effektivsten, zunächst Gespräche mit realitäts- und alltagsbezogenen Inhalten zu führen.

Leider wurde in den letzten Tagen und Wochen in den Medien wieder einmal ein vermeintlich unausweichlicher Zusammenprall der Kulturen ausgerufen. Im Rahmen des ‚Karikaturenstreits’ wurden die Würde und die religiösen Gefühle der Muslime verletzt. In der deutschen Presse wurden oft alle Muslime pauschal in eine Schublade gesteckt und damit in Deutschland lebende Türken mit Botschaftsanzündern in Ländern wie Syrien oder Libanon gleichgesetzt, obwohl die Türken in Deutschland ihrem Protest stets friedlich Ausdruck verliehen haben. In diesem Zusammenhang war in den Medien sehr oft die Rede von ‚Wir’ und ‚die Anderen’, wobei diese ‚Anderen’ immer wieder als rückständig, unmenschlich, diskriminierend und jedem demokratischen Gedankengut verschlossen dargestellt wurden. Als Türke musste man fast den Eindruck gewinnen, als solle man bewusst aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Außerdem wurde hier suggeriert, dass Muslime automatisch Feinde der Meinungsfreiheit und auch sonst unaufgeklärt seien. Für die meisten in Deutschland oder auch in der Türkei lebenden Türken trifft dies jedoch keineswegs zu. Ihnen geht es vor allem darum, dass keine verbale, bildliche und physische Gewalt gegen sie selbst und ihren Glauben ausgeübt wird. Dabei berufen sie sich auf demokratische, religiöse und moralische Werte, denen sie sich auch selbst verpflichtet fühlen. Um es auf den Punkt zu bringen: Ziel unserer Bestrebungen sollte ein friedvolles Zusammenleben aller Mitglieder der Gesellschaft sein. Solche und ähnliche provokativen Kampagnen jedoch schaden diesem Zusammenleben ganz massiv und sind darüber hinaus völlig überflüssig. Denn sie walzen alle mühsam aufgebauten positiven Ansätze und Dialogbemühungen zwischen den Kulturen, Religionen und Menschen mit Brachialgewalt nieder.

Das beste Mittel gegen solche Entwicklungen sind persönliche Kontakte und Freundschaften. Nichts kann persönliche Freundschaften zwischen Menschen ersetzen. Inzwischen gibt es aber auch, das soll hier nicht verschwiegen werden, eine ganze Reihe von Projekten, die die Integration von ‚Ausländern’ in die deutsche Gesellschaft fördern sollen. Eines von ihnen ist die Erteilung des Faches ‚Islamkunde’ in deutscher Sprache. In diesem Projekt bin ich selbst als Lehrer tätig. Natürlich sind diese und ähnliche Projekte sehr wichtig. Leider kommen sie allerdings auch ein wenig spät. Hätte man nicht ein bisschen mehr Interesse an fremden Kulturen und Menschen zeigen müssen, jedenfalls zumindest bevor man sich darüber aufregte, dass Parallelgesellschaften entstehen? Hätte man nicht schon vor dem 11. September 2001 Interesse am Islam und den Muslimen zeigen können?

Alles Klagen nutzt nichts, wenden wir uns der Zukunft zu! Die vierte Generation der Türken in Deutschland steht heute zwischen der türkischen Kultur der Eltern und der Kultur der deutschen Gesellschaft. Erst die Zukunft wird zeigen, ob sie eine Brückenfunktion zwischen diesen beiden Kulturen übernehmen oder sich ausschließlich einer Seite zuwenden wird. Meine Hoffnung geht dahin, dass es ihr gelingen mag, die Kultur der Eltern in sich aufzunehmen und sich gleichzeitig mit der deutschen Kultur kritisch auseinander zu setzen. Dann wird sie auch zu ihrer eigenen Kultur finden. Insofern ist die Migration meiner Meinung nach ein sehr positives Phänomen, denn sie kann zur dynamischen Entwicklung von Gesellschaften und Kulturen beitragen. Menschen, die heutzutage immer noch als ‚Ausländer’ unterschätzt und diskriminiert werden, können und sollen sich an der Lösung dringender Fragen der Gesellschaft, in der sie leben, aktiv beteiligen. Man muss ihnen diese Chance bieten!

Türkische Kinder und ihr Weg durch das Labyrinth der Gesellschaft

Seit Jahren beobachte ich türkische Kinder in ihrem schulischen und gesellschaftlichen Alltag. Hier stoßen sie auf große Probleme in puncto Sprache, Kultur, Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung, Integration und Sozialisation. Manchmal habe ich Zweifel, ob sie es tatsächlich schaffen werden, diese Probleme zu bewältigen. Dann wieder bin ich guter Hoffnung, wenn ich mir vor Augen führe, dass es ja bereits sehr viele aufrichtige Bemühungen um ein harmonisches Zusammenleben und das eine oder andere positive Resultat gibt.

Mit vielen der bestehenden Probleme sind nicht nur Migrantenkinder, sondern auch deutsche Kinder konfrontiert. Sie scheinen in der deutschen Gesellschaft selbst verankert zu sein. Eine Analyse der Problembereiche muss daher unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen.

Die erste Barriere für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation der Migrantenkinder ist – wie bereits erwähnt – das Sprachproblem. Die meisten von ihnen verfügen über eine ‚doppelte Halbsprachigkeit’. Das heißt, dass sie weder ihre Muttersprache noch die deutsche Sprache wirklich beherrschen, sondern vielmehr eine Misch-Masch-Sprache sprechen. Von einem Bewusstsein für die Bedeutung der Sprache kann gegenwärtig weder bei den Kindern noch im Elternhaus die Rede sein. Wenn aber viele Migrantenkinder bis zum Kindergartenbesuch ausschließlich in türkischer Sprache erzogen werden, müssen sie besonders im Kindergarten sprachlich stark gefördert werden. Anderenfalls nimmt man in Kauf, dass sich, wie besonders in den letzten Jahren festzustellen war, immer mehr Migrantenkinder mit einem großen Sprachdefizit an den Grundschulen anmelden.

In diesem Zusammenhang wäre es absurd, die deutsche und die türkische Sprache auf eine Konkurrenzebene zu ziehen. Beide Sprachen sind gleichermaßen wichtig, und Kinder sind durchaus in der Lage, auch beide Sprachen richtig zu erlernen. Das Problem ist nur: Viele türkische Eltern neigen dazu zu sagen, ihre Kinder sollten zunächst die türkische Sprache erlernen, um den Kontakt zu ihren Wurzeln nicht zu verlieren. Andere wiederum befürchten, ein Erlernen der Muttersprache könnte ihre Kinder davon abhalten, Deutsch zu lernen. Die Eltern von Migrantenkindern sollten sich in jedem Fall der Tatsache bewusst sein, dass die deutsche Sprache – unabhängig von der unumstrittenen Bedeutung der Muttersprache – die wesentliche Sprache ihrer Kinder sein wird. Dies ist ein Faktum. Die deutsche Sprache entscheidet über die Zukunft der Kinder, die hier in Deutschland leben. Deutsche und türkische Kinder werden im schulischen Alltag mit den gleichen Maßstäben gemessen. Um weiterkommen zu können, müssen die Migrantenkinder also die deutsche Sprache beherrschen. Andererseits ist die Muttersprache natürlich vor allem für ihre Persönlichkeitsentwicklung von Bedeutung. Vor dem Besuch eines Kindergartens sollte die Muttersprache so intensiv wie möglich gefördert werden, um den Kindern eine Sprachbasis zu schaffen. Dabei sollte man unbedingt versuchen darauf zu achten, dass man die Entwicklung einer Misch-Masch-Sprache so weit wie möglich vermeidet. Ein sicheres Fundament in einer Sprache erleichtert außerdem das Erlernen einer zweiten Sprache – egal welcher Sprache. Sehr gute Türkischkenntnisse in den ersten Lebensjahren kommen also auch ebenso guten Deutschkenntnissen ab dem Kindergartenalter zu Gute. Jedoch muss darauf geachtet werden, dass ab diesem Zeitpunkt Bilingualität bewusst gefördert wird. Das heißt, dass neben der Entwicklung der deutschen Sprache auch die türkische Sprache nicht vernachlässigt werden soll. Eine Misch-Masch-Sprache stellt ein Sprachdefizit dar, das in gewissem Maße sogar die geistige Entwicklung der Migrantenkinder behindern kann. Die meisten der betroffenen Kinder sind nicht in der Lage, ihre Gefühle und Gedanken in einer Sprache zum Ausdruck zu bringen. Bei der Darstellung eines Sachverhalts oder der eigenen Meinung fallen sie schnell in eine gemischte Sprache, weil es ihnen am entsprechenden Wortschatz mangelt.

Einige türkische Kinder weisen im Unterricht Verhaltensstörungen wie z.B. Respektlosigkeit, Desinteresse, Nicht-Zuhören-Können, Aufmerksamkeitsdefizite, Gleichgültigkeit, Orientierungslosigkeit etc. auf. Diese Störungen sind auch unter deutschen Kindern nicht selten und haben einen gesamtgesellschaftlichen Bezug. Die Ursachen der meisten Probleme dieser Art sind auf die innerfamiliäre Erziehung zurückzuführen. Wenn soziale oder menschliche Grundwerte nicht zu Hause von der Familie vermittelt werden, hat auch die Schule kaum eine Chance, dies nachzuholen. Die Lehrer jedenfalls sind mit der Aufgabe schlicht überfordert. Aus diesem Erziehungsdefizit ergeben sich weitere Probleme im schulischen Leben, da die Kinder nicht genügend Orientierung haben. Hinzu kommt, dass die Kinder schon früher und leichter als in der Vergangenheit mit Rauchen, Gewalt, Drogen und Sexualität in Kontakt treten. Schnell geraten sie in Abhängigkeiten von diesen Gewohnheiten und setzen nicht selten ihre Zukunft aufs Spiel. Angeberei, Gewaltkriminalität, Drogen- und Alkoholsucht schon in jungen Jahren – das sind beherrschende Themen. Täter werden immer brutaler und immer jünger. Respektlosigkeit, Orientierungslosigkeit, Gleichgültigkeit, Sinnlosigkeit begegnen uns bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen. Die Kriminalität unter türkischen Jugendlichen steigt an. So befinden sich derzeit ca. 5.000 junge Menschen türkischer Herkunft in deutschen Gefängnissen.

Meiner Beobachtung nach haben die meisten Kinder zwar in materieller Hinsicht kaum Probleme, in spiritueller, seelischer Hinsicht jedoch sehr große. In der Gesellschaft, in der wir leben, macht sich der Verlust der Werte zunehmend negativ bemerkbar. Trägt hier vielleicht unsere individualistische Konsum- und Wohlstandsgesellschaft die Schuld? Auch die türkischen Kinder sind von dieser Gesellschaft, in die sie hineingeboren werden und in der sie aufwachsen, geprägt. Ich möchte hier jedoch keine Schuldzuweisungen machen, sondern vielmehr versuchen, den Ursprung der Probleme richtig zu diagnostisieren. Denn meistens werden einfach alle türkischen Kinder mit all ihren vermeintlich ‚türkischen’ Problemen in einen Topf geworfen. Die gesamtgesellschaftlichen Gründe für ihr Verhalten bleiben allzu oft unberücksichtigt.

Türkische und deutsche Kinder haben ganz unterschiedliche Wertvorstellungen in familiärer und gesellschaftlicher Hinsicht. Was wird wohl passieren, wenn sie sich nicht gegenseitig näher kennen lernen, in ihrem Sosein akzeptieren und wahrnehmen? Wie sieht es angesichts der herrschenden Umstände wirklich mit der Bereitschaft der türkischen Schüler zur Integration aus? Die Integration an sich ist ein Phänomen, das auf Gegenseitigkeit beruht und ein Geben und Nehmen erfordert. Also sollte man zunächst einmal feststellen, ob und wenn ja welche Basis die Integration in der deutschen Gesellschaft hat. Eine solche Basis zu finden und zu zementieren, ist meines Erachtens von entscheidender Bedeutung.

Anfangen könnte man z.B. in der Schule. Aber was passiert dort? Seit Jahren leben türkische und deutsche Schülerinnen und Schüler nicht miteinander, sondern nebeneinander her. Meinen Beobachtungen nach fühlen sich immer mehr türkische Schüler an deutschen Schulen unsicher und diskriminiert. Diese Diskriminierung führt verbunden mit mangelhaften Kenntnissen der eigenen Kultur, Religion, Muttersprache und Geschichte (Identitätsproblematik) zu Überempfindlichkeit und einer ‚antideutschen’ Haltung, ja sogar zu einem nach außen gerichteten türkischen Nationalbewusstsein. Denn eigentlich fühlen sich diese Kinder, da sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, hier heimisch und nicht als ‚Ausländer’. Wenn sie aber merken, dass sich ihre deutschen Mitschüler oder gar die Lehrer nicht für ihre Kultur und ihre Religion interessieren und sie sogar ablehnen, dann fühlen sie sich verstoßen und kappen alle Verbindungen zur deutschen Gesellschaft. Sie reagieren absolut negativ auf alle Ratschläge, wie sie sich zu verhalten haben, und neigen dazu, sich in Opposition zur Mehrheitsgesellschaft zu definieren.

Vor einiger Zeit führte ich ein Gespräch mit Manfred Sader, einem emeritierten Professor für Psychologie und Autor des Buches „Toleranz und Fremdsein”. Ich fragte ihn, wie man denn seiner Meinung nach in Schulen, in denen deutsche Kinder und Migrantenkinder heute eher nebeneinander her als miteinander leben, eine Kultur der Toleranz aufbauen könnte.

In seiner Antwort zeigte er einige konkrete Perspektiven auf, die mir so wichtig erscheinen, dass ich sie gern hier zitieren möchte: „Wir sollten die Fremdsprachenkenntnisse in der Schule höher bewerten. Wenn es in Frankfurt eine Klasse gibt, in der 20 verschiedene Sprachen gesprochen werden, wo also Kinder aus 20 Ethnien unterrichtet werden, würde ich als Pädagoge mir das zu Nutze machen. Ich würde an den Türen Schilder befestigen, auf denen in zwanzig Sprachen ‚Guten Morgen!’ stünde. Ich würde klar stellen, dass diese Sprachenvielfalt eine Bereicherung, und keine Verarmung ist. Ich würde schulintern kleine Preise vergeben für Kinder, die zwei Sprachen beherrschen. Einige Schüler würden auch dolmetschen können. Leider wird dieses Potenzial nicht genutzt. Dabei handelt es sich hier doch um etwas Wertvolles, was man fördern sollte. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich mir zwei, drei türkische Feiertage heraussuchen und sie in den Unterricht einbringen. Ich würde vorher ankündigen, dass morgen der und der Feiertag ist, und Wert darauf legen, dass dann auf Türkisch ‚Günaydıin’ (Guten Morgen!) gesagt wird. Dies würde zwei bis dreimal pro Jahr geschehen, und damit würden auch andere Sprachen und Kulturen aufgewertet. Die Schüler sollten spüren, dass das Türkische nicht weniger wert als das Deutsche, sondern ganz einfach eine andere Sprache ist. Im Rollenspiel könnte man versuchen, Probleme auszuräumen. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass man deutsche Kinder in Rollenspielen in einen Kontext versetzt, in dem sie kein Wort verstehen. Die Kinder könnten sich z.B. ausmalen, sie wären in Istanbul und sollten nach irgendetwas fragen. Ihnen sollte deutlich gemacht werden, was es eigentlich heißt, sich nicht richtig sprachlich artikulieren zu können.” Aus meiner eigenen Sicht möchte ich noch ergänzen, dass der Schüleraustausch ein hervorragendes Mittel sein kann, um Vorurteile abzubauen und Freundschaften zwischen türkischen und deutschen Schülern so fest zu verankern, dass sie auch gelegentlichen Krisen standhalten können.

Wenn nun aber darüber nachgedacht wird, das Deutschsprechen auf dem Schulhof zur Pflicht zu machen, dann mag dies legitim sein. Entscheidend ist jedoch, mit größter Sensibilität an Themen wie dieses heranzugehen. Denn sehr leicht kommt es zu Missverständnissen, die genau das Gegenteil von dem bewirken, was man eigentlich beabsichtigt. Wenn türkische Kinder hören, dass man ihnen ihre Muttersprache verbietet, reagieren sie mit großer Empörung und assoziieren damit eine erzwungene Assimilation. Viel versprechender wäre es hingegen, ihnen in aller Deutlichkeit klarzumachen, dass sie von einem besseren Umgang mit der deutschen Sprache profitieren.

Die oben erwähnte Abwendung von der deutschen Gesellschaft ist eine Gefahr, der sich die deutsche Seite bewusst sein muss. Gerade an den Schulen, wo sich dieses Problem auftut, kann aber auch viel Positives bewirkt werden. Die Lehrer sollten ihre deutschen und türkischen Kinder zu einem offenen Miteinander anhalten. Respekt vor der Kultur, Religion und Mentalität des jeweils anderen und die Bedeutung des Dialogs und der Toleranz können gar nicht oft genug thematisiert und behandelt werden. Gegenseitige Provokationen und Neckereien wird es immer geben. Es kommt aber darauf an, diese so aufzulösen, dass niemand ein schlechtes Gefühl dabei zurückbehalten muss. Auch in dieser Hinsicht hat sich der bereits angesprochene Karikaturenstreit extrem negativ ausgewirkt. Viele türkische Kinder nehmen die Karikaturen als einen Angriff auf sie selbst, ihren Glauben und ihre Kultur wahr. Und auf diese Wahrnehmung kommt es letztlich an. Es geht hier nicht um Objektivität oder darum, wer mit diesen Karikaturen eigentlich angesprochen werden soll. Entscheidend ist, wie diese auf die Kinder und die allgemeine Situation in den Schulen wirken. Und diese Wirkung spaltet. Sie drängt die türkischen Kinder in eine Verteidigungsposition und führt erneut zur Abgrenzung von den deutschen Mitschülern. Lehrer, die hier vermitteln und mäßigen müssen, haben Schwerstarbeit zu verrichten.

Die Tendenz geht leider dahin, dass der Graben zwischen deutschen und türkischen Kindern breiter wird. Es besteht die große Gefahr, dass eine Mauer zwischen ihnen entsteht, dass die zwischenmenschliche Kommunikation zu Grunde geht und dadurch weitere Kettenreaktionen ausgelöst werden. Eine Polarisierung bereits in der Schule kann auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu gefährlichen Auseinandersetzungen führen. Wenn türkische und deutsche Kinder und Jugendliche immer mehr negative Erfahrungen miteinander machen – sei es in der Schule, auf der Straße oder im Bus – wird sich der Konflikt weiter zuspitzen, und mit der Zeit wird eine scharfe Konfrontation unausweichlich werden. Die derzeit festzustellende Instabilität der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen in Deutschland wird diese Entwicklung noch beschleunigen.

Im historischen Überblick wurde ja bereits die Gefahr der Gettobildung und der Entwicklung von Parallelgesellschaften angesprochen. Dass diese Gefahr real existiert, ist meines Erachtens nach nicht von der Hand zu weisen. Für falsch halte ich jedoch die vorherrschende Meinung, diese Entwicklung ginge nur von türkischer Seite aus. Schaut man sich die aktuelle Schulpolitik in Nordrhein-Westfalen an, wird man feststellen, dass hier die Entstehung von ‚Gettoschulen’ von oben gefördert wird: So soll die ortsgebundene Grundschulanmeldung aufgehoben werden. Dies wird, so denke ich, zur Folge haben, dass deutsche Eltern ihre Kinder künftig nicht auf Schulen schicken, die vor allem von Migranten besucht werden, sodass diese dann weitgehend unter sich bleiben werden. Außerdem will man den Eltern die Möglichkeit nehmen, über die Schulausbildung ihrer Kinder nach der Grundschule mitzuentscheiden. Auch dieses Gesetz – so es denn kommt – wird zu einer Polarisierung führen. Ein Kind, das nicht bis zum Ende der Grundschule einen gewissen Bildungsstand erreicht hat, wird es dann bedeutend schwerer als heute noch haben, Rückstände jemals wieder aufzuholen. Dass türkische Kinder allgemein einen schwereren Start in die Schullaufbahn haben, steht ja außer Frage.

Die hier aufgezeigten möglichen und auch wahrscheinlichen Entwicklungen machen ganz klar deutlich, dass es massive Probleme gibt und dass diese Probleme gemeinsam gelöst werden müssen. Kinder ohne eine angemessene Erziehung und mit Verhaltensstörungen werden der Gesellschaft als Erwachsene erhebliche Probleme bereiten – egal welcher Volksgruppe, Kultur oder Nationalität sie angehören. Vor dieser Gefahr kann niemand die Augen verschließen. Niemand sollte sich damit begnügen, eine glückliche, sichere Welt allein für sich selbst zu bauen, ohne dabei nach rechts und nach links zu schauen. Denn der Mensch lebt nicht auf einer Insel.

Für die Lösung der bestehenden Probleme erscheint mir ein Erziehungskonzept basierend auf den vier Dimensionen des Menschen sinnvoll. Dieses sieht vor, die biologische, psychologische, intellektuelle und spirituelle Dimension des Menschen gleichermaßen zu berücksichtigen. Werden diese Dimensionen heute im familiären, schulischen oder gesellschaftlichen Leben abgedeckt? Nein, und da liegt meiner Meinung nach der Hund begraben. Auf theoretischer Ebene gibt es kaum Defizite. Die vermeintlich besten Schulkonzepte und die besten anthropologischen Bedingungen stehen zur Verfügung. Aber diese Konzepte bzw. Bedingungen werden dem Schul- und Familienalltag der Kinder von heute nicht mehr gerecht. Die Mentalität der Kinder weicht oft von jenen Theorien ab, was zu einer paradoxen Entwicklung führt: Auf der einen Seite stehen verzweifelte intensive Bemühungen von Seiten der Politik, der Eltern, der Schulträger und der Wissenschaften, auf der anderen Seite werden die Kinder aber allein gelassen. Im Türkischen gibt es eine Redewendung: „Wenn ein Glatzkopf ein Haarwuchsmittel hätte, würde er es zuerst für seinen eigenen Kopf gebrauchen.” Das heißt, ein wirklich effizientes Heilmittel ist zurzeit nicht in Sicht. Die deutsche Gesellschaft befindet sich zurzeit auf keinem guten Weg: Einerseits nehmen Gewalt, Kriminalität, Verbrechen, sexueller Missbrauch, Einkommensbetrug und Unmoral immer weiter zu, andererseits aber auch Arroganz, Besserwisserei und Überheblichkeit losgelöst von allen aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Selbstverständlich sind von dieser Problematik ebenso wie alle anderen auch die türkischen Kinder betroffen.

Sie leiden zusätzlich darunter, dass sie zwischen zwei oft ganz unterschiedlichen Kulturen pendeln. Ihr Charakter entspricht oft nicht ihrem Lebensalter, was sich auch in ihrem Verhalten niederschlägt. Viele Kinder leiden unter einer Sozialphobie und mangelndem Selbstvertrauen. Hierzu tragen vor allem TV und Computer bei. Die Kinder kommunizieren zu wenig mit ihren Eltern oder Geschwistern. Eine kleine Untersuchung von mir hat ergeben, dass jedes türkische Kind im Sekundarstufe 1-Bereich wöchentlich durchschnittlich 10 TV-Serien anschaut. Ist das förderlich? Natürlich nicht. Die stundenlange Fixierung der Kinder auf TV oder Computer hinterlässt eine sehr negative Wirkung auf ihre Psyche. Den Medienkonsum altersgerecht kontrolliert einzuschränken, lohnt sich auf jeden Fall. Andererseits ist es keineswegs so, dass Fernsehen, Internet, Bücher, Comics und Zeitschriften per se schädlich sind. Sie müssen nur sinnvoll eingesetzt werden. Das heißt, dass die Eltern das Alter und die Aufnahmefähigkeit ihrer Kinder berücksichtigen müssen. Wahlloser Konsum führt jedenfalls zu Verblödung und Aggressivität.

Aber was tun, wenn die Eltern selbst ‚Serien-Idioten’ sind? Überhaupt sind die meisten türkischen Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Viele von ihnen verfügen nur über einen niedrigen Bildungsstand und nicht über hinreichende Kenntnisse ihrer eigenen Kultur, Religion und Geschichte. Sie sprechen oft noch schlechter Deutsch als ihre Kinder und sind daher auch nicht in der Lage, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. In vielen Elternhäusern bestehen Generationenkonflikte im kulturellen und sozialen Bereich, die besonders aus der Konfrontation von traditioneller familiärer Atmosphäre und einheimischen gesellschaftlichen Werten auf der einen und dem Alltag der Moderne auf der anderen Seite entstehen. Viele Eltern geben deshalb irgendwann auf und kümmern sich gar nicht mehr um ihre Kinder und setzen ihnen auch keine Grenzen.

Resultat der fehlenden familiären und gesellschaftlichen Zuwendung sind unterschiedliche Arten von Verhaltensstörungen. Viele Kinder sind desorientiert und haben keine Vorbilder, die für die Gesellschaft in irgendeiner Hinsicht nützlich wären. Sie sind in gleich zwei Kulturen bewandert, in beiden jedoch auf niedrigem Niveau. Sie bilden Subkulturen mit problematischen, zum Teil illegalen Tendenzen. Und wenn jemand ihnen Grenzen stecken will, fühlen sie sich sofort (und oft ungerechtfertigt) als Ausländer diskriminiert. Positiv ist vielleicht, dass sie über eine gewisse Lebensklugkeit verfügen, die sie als Überlebensstrategie (nicht Lebensstrategie) nutzen.

Was das religiöse Wissen oder die religiösen Werte der türkischen Kinder anbelangt, so haben diese auf ihre Sozialisation keinen besonders großen Einfluss. Viele Moscheen und Elternhäuser sind vor allem auf ein stereotypes Auswendiglernen fixiert. Die Kinder nehmen kaum wahr, was ihnen in Moscheen oder zu Hause an kulturellen und religiösen Werten vermittelt wird. Dies ist ein großes Handicap für sie.

Tag für Tag sehe ich in der Schule, dass trockene Regeln und Verbote allein nichts bringen. Solche Regeln, sei es in der Schulordnung oder im Grundgesetz, werden erst dann wirklich respektiert und eingehalten, wenn die Individuen über eine persönliche und soziale Identität verfügen, die von kulturellen und religiösen Werten geprägt ist.

Eine Gesellschaft, die funktionieren soll, braucht Werte. Ohne Werte können die Individuen keine eigene Identität entwickeln und festigen. Die Religionen sind der Quell der Werte. Wie und wodurch können wir sie ersetzen, wenn wir sie aus der Gesellschaft verbannen? Vielen gilt die Religion als ein Hemmnis jeder Weiterentwicklung. Ich bin der festen Überzeugung, dass das Gegenteil der Fall ist.

Ich denke, der Islam kann den türkischen Migrantenkindern eine Orientierung bieten, der religiöse und auch allgemein anerkannte universelle Werte zu Grunde liegen. Er kann ihnen eine gewisse Ernsthaftigkeit vermitteln, die ein Gleichgewicht zur Spaßgesellschaft schafft. Er kann ihnen helfen, einen Mittelweg zu finden und ihre aggressiven Neigungen zu kontrollieren. Er kann ihnen die Bedeutung von Tugenden wie Respekt, Liebe, Hilfsbereitschaft, Dienen ohne Erwartung, Selbstlosigkeit und Toleranz erklären. Und zweifellos sind Individuen, die über eine stabile Identität verfügen und offen auch für die Probleme ihrer Mitmenschen sind, ein Segen für jede Gesellschaft. Sie sorgen für mehr Respekt und Akzeptanz, für stärkere zwischenmenschliche Bindungen und für weniger Kriminalität.

Wie kann man den türkischen Kindern diese Werte am besten nahe bringen? Gerade auf diesem Gebiet gibt es meiner Meinung nach in der jüngeren Vergangenheit sehr positive Entwicklungen: Viele Bemühungen z.B. in Vereinen, Moscheen und Familien konzentrieren sich darauf, islamische Werte und Inhalte anschaulich, lebensnah und auch in deutscher Sprache zu vermitteln. Dabei wird außerdem darauf geachtet zu zeigen, dass das vermittelte Wissen sehr gut in eine moderne demokratische Gesellschaft passt und keineswegs gegen irgendwelche Gesetze oder Werte der Mehrheitsgesellschaft verstößt. Diese Bemühungen existieren durchaus und nehmen immer breiteren Raum ein, nur werden sie von den Medien weitgehend ignoriert. Dabei hätten sie es doch verdient, respektiert und gewürdigt zu werden.

Fazit

Die Wege durch das Labyrinth der Gesellschaft sind verschlungen. Wenn die türkischen Kinder eine Chance haben sollen, ihren eigenen Weg zu finden, müssen sich zunächst einmal ihre Eltern bewegen. Leider ist derzeit die Mehrheit von ihnen nicht in der Lage, mit dieser Herausforderung fertig zu werden. Also müssen sie von der Schule, von Bildungsinstitutionen und Vereinen Unterstützung erhalten.

Auf der anderen Seite müssen sich aber auch die Schulen bewegen und zu Orten eines aufrichtigen friedvollen Miteinanders werden. Schon in den ersten Schuljahren sollte viel Wert darauf gelegt werden, allen Kindern beizubringen, wie essenziell der Verzicht auf jede Art von Gewalt ist. Weiterhin müssen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene die entsprechenden Weichen gestellt werden. So sollten Ausbildungsplätze geschaffen und Gettobildungen verhindert werden. Überhaupt muss sich die gesellschaftliche und kulturelle Akzeptanz und Wahrnehmung der Migranten ändern. Auch die deutschen Medien spielen in diesem Zusammenhang eine enorm wichtige Rolle; denn sie besitzen die Macht, Vorurteile abzubauen und zu entschärfen. Sie sollten positive Impulse in die Öffentlichkeit senden, sensationsheischende Berichterstattungen über Muslime vermeiden und auf deren Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen. Noch ist es nicht zu spät: Wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, werden es unsere Kinder in Zukunft leichter haben.

Muhammet Mertek

Erschienen im Buch:
TÜRKEI EUROPA
Zwischen Partnerschaft und Konfrontation
beim Magnus-Verlag
Letzte Aktualisierung: 7. Januar 2017
Zur Werkzeugleiste springen