Gesellschaft Kolumnen

Türkische Kinder im Labyrinth der Gesellschaft

Seit Jahren beobachte ich türkische Kinder in ihrem schulischen und gesellschaftlichen Alltag. Hier stoßen sie auf große Probleme in puncto Sprache, Kultur, Identitätsbildung, Integration und Sozialisation. Manchmal habe ich Zweifel, ob sie in der Lage sein werden, diese großen Probleme bewältigen zu können.

Mit vielen dieser Probleme sind nicht nur Migrantenkinder, sondern auch deutsche Kinder konfrontiert. Sie scheinen in der deutschen Gesellschaft selbst verankert zu sein. Eine Analyse der Problembereiche muss daher unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen.

Die erste Barriere für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation der Migrantenkinder ist das Sprachproblem. Die meisten von ihnen verfügen über eine ‚doppelte Halbsprachigkeit’. Das heißt, dass sie weder ihre Muttersprache noch die deutsche Sprache wirklich beherrschen, sondern vielmehr eine Misch-Masch-Sprache sprechen. Von einem Bewusstsein für die Bedeutung der Sprache kann gegenwärtig weder beim Kind noch im Elternhaus die Rede sein. Wenn aber viele Migrantenkinder bis zum Kindergartenbesuch ausschließlich in türkischer Sprache erzogen werden, müssen sie besonders im Kindergarten sprachlich stark gefördert werden. Anderenfalls nimmt man in Kauf, dass sich, wie besonders in den letzten Jahren festzustellen ist, immer mehr Migrantenkinder mit einem großen Sprachdefizit an den Grundschulen anmelden.

In diesem Zusammenhang wäre es absurd, die deutsche und die türkische Sprache auf eine Konkurrenzebene zu ziehen. Beide Sprachen sind gleichermaßen wichtig, und Kinder sind durchaus in der Lage, auch beide Sprachen richtig zu erlernen. Das Problem ist nur: Viele türkische Eltern neigen dazu zu sagen, ihre Kinder sollten zunächst die türkische Sprache erlernen, um den Kontakt zu ihren Wurzeln nicht zu verlieren. Andere wiederum befürchten, ein Erlernen der Muttersprache könnte ihre Kinder davon abhalten, Deutsch zu lernen. Die Eltern von Migrantenkindern sollten sich in jedem Fall der Tatsache bewusst sein, dass die deutsche Sprache, unabhängig von der Bedeutung der Muttersprache, die wesentliche Sprache ihrer Kinder sein wird. Dies ist ein Faktum. Die deutsche Sprache entscheidet über die Zukunft der Kinder, die hier in Deutschland leben. Deutsche und türkische Kinder werden im schulischen Alltag mit den gleichen Maßstäben gemessen. Um weiterkommen zu können, müssen die Migrantenkinder also die deutsche Sprache beherrschen. Andererseits ist die Muttersprache natürlich vor allem für ihre Persönlichkeitsentwicklung von Bedeutung. Vor dem Besuch eines Kindergartens sollte die Muttersprache so intensiv wie möglich gefördert werden, um den Kindern eine Sprachbasis zu schaffen. Dabei sollte man unbedingt versuchen darauf zu achten, dass sich keine Misch-Masch-Sprache entwickelt.

Eine Misch-Masch-Sprache stellt ein Sprachdefizit dar, das in gewissem Maße sogar die geistige Entwicklung der Migrantenkinder behindern kann. Die meisten dieser Kinder sind dann nicht in der Lage, ihre Gefühle und  Gedanken in einer Sprache zum Ausdruck zu bringen. Wenn es um eine Darstellung eines Sachverhalts oder der eigenen Meinung zu einem bestimmten Thema geht, können sie sich allenfalls ganz knapp in nur einer Sprache äußern. Sie fallen schnell in eine gemischte Sprache, weil es ihnen am entsprechenden Wortschatz mangelt. Eine Sprache zumindest müssen sie richtig beherrschen, und das ist die deutsche Sprache – unabhängig von der Unumstrittenheit der Bedeutung der Muttersprache.

Einige türkische Kinder weisen im Unterricht Verhaltensstörungen wie z.B. Respektlosigkeit, Desinteresse, Nicht-Zuhören-Können, Aufmerksamkeitsdefizite, Gleichgültigkeit, Orientierungslosigkeit etc. auf. Diese Störungen sind auch unter deutschen Kindern nicht selten und haben einen gesamtgesellschaftlichen Bezug. Die Ursachen der meisten Probleme dieser Art sind auf die innerfamiliäre Erziehung zurückzuführen. Wenn soziale oder menschliche Grundwerte nicht zu Hause von der Familie vermittelt werden, hat auch die Schule kaum die Chance, dies nachzuholen. Die Lehrer jedenfalls sind mit dieser Aufgabe schlicht überfordert. Aus diesem Erziehungsdefizit ergeben sich weitere Probleme im schulischen Leben, da die Kinder nicht genügend Orientierung haben. Hinzu kommt, dass die Kinder schon früher und leichter als in der Vergangenheit mit Rauchen, Gewalt, Drogen und Sexualität in Kontakt treten. Schnell geraten sie in Abhängigkeit von diesen Gewohnheiten und setzen nicht selten ihre Zukunft aufs Spiel.

Meiner Beobachtung nach haben die meisten Kinder zwar in materieller Hinsicht kaum Probleme, in spiritueller, seelischer Hinsicht jedoch sehr große. In der Gesellschaft, in der wir leben, macht sich der Verlust  der Werte zunehmend negativ bemerkbar. Trägt hier vielleicht unsere individualistische Konsum- und Wohlstandsgesellschaft die Schuld? Auch die türkischen Kinder sind von dieser Gesellschaft, in die sie hineingeboren werden und in der sie aufwachsen, geprägt. Ich möchte hier jedoch keine Schuldzuweisungen machen, sondern versuchen, den Ursprung der Probleme richtig zu diagnostisieren. Denn meistens werden einfach alle türkischen Kinder mit all ihren vermeintlich ‚türkischen’ Problemen in einen Topf geworfen. Die gesamtgesellschaftlichen Gründe für ihr Verhalten bleiben zu oft unberücksichtigt.

Türkische und deutsche Kinder haben ganz unterschiedliche Wertvorstellungen in familiärer und gesellschaftlicher Hinsicht. Was wird wohl passieren, wenn sie sich nicht gegenseitig noch näher kennen lernen, in ihrem Sosein akzeptieren und wahrnehmen? Wie sieht es angesichts der herrschenden Umstände wirklich mit der Bereitschaft von türkischen Schülern zur Integration aus? Die Integration an sich ist ein Phänomen, das auf Gegenseitigkeit beruht und ein Geben und Nehmen erfordert. Also sollte man zunächst einmal feststellen, ob und wenn ja welche Basis die Integration in der deutschen Gesellschaft hat. Eine solche Basis zu finden und zu zementieren, ist meines Erachtens von entscheidender Bedeutung.

Anfangen könnte man z.B.  in der Schule. Aber was passiert dort? Seit Jahren leben türkische und deutsche Schülerinnen und Schüler nicht miteinander, sondern nebeneinander her. Die Tendenz geht dahin, dass der Graben zwischen ihnen breiter wird. Es besteht die große Gefahr, dass eine Mauer zwischen ihnen entsteht, dass die zwischenmenschliche Kommunikation zu Grunde geht und dadurch weitere Kettenreaktionen ausgelöst werden. Eine Polarisation bereits in der Schule kann auch auf gesellschaftlicher Ebene zu gefährlichen Auseinandersetzungen führen. Die Schule allein ist hier überfordert. Wenn türkische und deutsche Kinder und Jugendliche immer mehr schlechte Erfahrungen miteinander machen, sei es in der Schule oder auf der Straße oder im Bus, wird sich der Konflikt weiter zuspitzen, und mit der Zeit wird eine scharfe Konfrontation unvermeidbar werden. Die Instabilität der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen in Deutschland wird diese Entwicklung noch beschleunigen.

Die hier aufgezeigte mögliche und auch wahrscheinliche Entwicklung macht ganz klar deutlich, dass es massive Probleme gibt und dass diese Probleme gemeinsam gelöst werden müssen. Kinder ohne eine angemessene Erziehung und mit Verhaltensstörungen werden die Gesellschaft auf lange Sicht kaputt machen – egal welcher Volksgruppe, Kultur oder Nationalität sie angehören. Vor dieser Gefahr kann niemand die Augen verschließen. Niemand kann sich damit begnügen, eine glückliche, sichere Welt allein für sich selbst zu bauen, ohne dabei nach rechts und nach links zu schauen. Denn der Mensch lebt nicht auf einer Insel.

Für die Lösung der Probleme erscheint  mir das Erziehungskonzept basierend auf den vier Dimensionen des Menschen sinnvoll. Dieses sieht vor, die biologische, psychologische, intellektuelle und spirituelle Dimension des Menschen gleichermaßen zu berücksichtigen. Werden diese Dimensionen heute im familiären, schulischen oder gesellschaftlichen Leben abgedeckt? Nein, und da liegt meiner Meinung nach der Hund begraben. Auf theoretischer Ebene gibt es kaum Defizite. Die vermeintlich besten Schulkonzepte und die besten anthropologischen Bedingungen stehen zur Verfügung. Aber diese Konzepte bzw. Bedingungen werden dem Schul- und Familienalltag der Kinder von heute nicht mehr gerecht. Die Mentalität der Kinder weicht oft von jenen Theorien ab, was zu einer paradoxen Entwicklung führt: Auf der einen Seite stehen verzweifelte intensive Bemühungen von Seiten der Politik, der Eltern, der Schulträger und der Wissenschaften, auf der anderen Seite werden die Kinder aber allein gelassen. Im Türkischen gibt es eine Redewendung: „Wenn ein Glatzkopf ein Heilmittel hätte, hätte er es selbst für seinen Kopf gebraucht.“ Das heißt, ein wirklich effizientes Heilmittel ist zurzeit nicht in Sicht. Die deutsche Gesellschaft befindet sich in einem Niedergang, dessen Ursachen auch Prof. Dr. Meinhard Miegel in seinen Büchern ausführlich schildert: Einerseits nehmen Gewalt, Kriminalität, Verbrechen, sexueller Missbrauch, unversteuertes Einkommen und Unmoral immer weiter zu, andererseits aber auch Arroganz, Besserwisserei und Überheblichkeit losgelöst von allen aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Selbstverständlich sind von dieser Problematik auch die türkischen ebenso wie alle anderen Kinder betroffen.

Eine Folge ist, dass die Sozialisation der türkischen Kinder nach wie vor problematisch verläuft, zumal sie zwischen zwei oft ganz unterschiedlichen Kulturen pendeln. Ihr Charakter entspricht oft nicht ihrem Lebensalter, was sich auch in ihrem Verhalten niederschlägt. Viele Kinder leiden unter einer Sozialphobie und mangelndem Selbstvertrauen. Hierzu tragen vor allem TV und Computer  bei. Die Kinder kommunizieren zu wenig mit ihren Eltern oder Geschwistern. Eine kleine Untersuchung von mir  hat ergeben, dass jedes türkische Kind im Sekundarstufe-1-Bereich wöchentlich durchschnittlich zwölf TV-Serien anschaut. Ist das förderlich? Natürlich nicht. Die stundenlange Fixierung der Kinder auf TV oder Computer hinterlässt eine sehr negative Wirkung auf ihre Psyche. Den Medienkonsum altersgerecht kontrolliert einzuschränken, lohnt sich auf jeden Fall. Aber was tun, wenn die Eltern selbst ‚Serien-Idioten’ sind?

Was auf der anderen Seite das religiöse Wissen oder die religiösen Werte der türkischen Kinder anbelangt, so haben diese auf ihre Sozialisation kaum einen Einfluss. Moscheen und Elternhäuser sind vor allem auf ein stereotypes Auswendiglernen fixiert. Die Kinder nehmen kaum wahr, was ihnen in Moscheen oder zu Hause an kulturellen und religiösen Werten vermittelt wird. Dies ist ein großes Handykap für sie.

Fazit

Die Wege durch das Labyrinth der Gesellschaft sind verschlungen. Wenn die türkischen Kinder eine Chance haben sollen, ihren eigenen Weg zu finden, müssen sich zunächst einmal ihre Eltern bewegen. Leider ist derzeit die Mehrheit von ihnen nicht in der Lage, mit dieser Herausforderung fertig zu werden. Also müssen sie von der Schule, von Bildungsinstitutionen und Vereinen Unterstützung erhalten. Auf der anderen Seite müssen sich aber auch die Schulen bewegen und zu Orten eines aufrichtigen friedvollen Miteinanders werden. Weiterhin  müssen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene die entsprechenden Weichen gestellt werden. So sollten Ausbildungsplätze geschaffen und Gettobildungen verhindert werden. Überhaupt muss sich die gesellschaftliche und kulturelle Akzeptanz und Wahrnehmung der Migranten ändern. Auch die deutschen Medien spielen in diesem Zusammenhang eine enorm wichtige Rolle; denn sie besitzen die Macht, Vorurteile abzubauen und zu entschärfen. Sie sollten positive Impulse in die Öffentlichkeit geben, sensationsheischende Berichterstattungen über Muslime vermeiden und auf deren Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen. Noch ist es nicht zu spät: Wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, werden es unsere Kinder in Zukunft leichter haben.

Persönliche Schlussbemerkung

Was mich dazu bewogen hat, diesen Artikel zu schreiben, ist die überall in der Gesellschaft zu beobachtende Ohnmacht und Lähmung. Zwar sind sich alle, Deutsche wie Türken, Lehrer wie Schüler, Behörden wie Politiker im Prinzip einig, dass es so nicht weiter gehen kann, aber kaum jemand unternimmt etwas. Dabei wird es dringend Zeit zu handeln, bevor die negativen Entwicklungen, die hier aufgezeigt wurden und bereits in vollem Gange sind, unumkehrbar werden. Also los, packen wir es an!

Muhammet Mertek

PS: Der Artikel wurde im Jahr 2004 verfasst.

 

Letzte Aktualisierung: 4. November 2017
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