Gesellschaft Kolumnen

Die Irrtümer eines Muslims

Leserbrief in der FAZ am 30.12.2016:

Zu Ihrer Berichterstattung zu den Muslimen in Deutschland: Ich bin ein gläubiger Muslim und lebe etwa seit 30 Jahren in Deutschland. In dieser Zeit hat sich mein Religionsverständnis in vielen Punkten gewandelt. Mit der Lektüre der Primärquellen des Islams hatte ich erst während meines Studiums der Germanistik in der Türkei begonnen. Ich fing an zu glauben, dass der Islam die Lösung für alle Probleme ist, dass er für alle Bereiche des Lebens Konzepte und Prinzipien anbietet und dass den Muslimen nur noch die Technologie fehlt, die in den Händen des Westens ist. So glaubten wir, dass sich der Westen technologisch weiterentwickelt, kulturell aber verwahrlost ist. In den dreißig Jahren seither habe ich meine Standpunkte aber überdenken müssen. Ich sehe ein, dass sich Ansichten, die ich für wahr gehalten habe, als Irrtümer herausstellen.

Mein erster Irrtum war, den Vorrang des Westens bloß in Wissenschaft und Technologie zu sehen. Falsch war die Annahme, dass die „islamisch“ deklarierten Prinzipien für Kultur und Gesellschaft das einzig wahre Maß und Konzept sein müssten. Demnach sollte „der Islam“ von den wirtschaftlichen bis zu psychosozialen Problemen die Lösung sein. Nun begriff ich aber, dass die europäischen Länder über fundierte Erfahrungen zur Rechtsstaatlichkeit und zur pluralistischen Demokratie verfügen. Das darf nicht kleingeredet werden. Denn derzeit gibt es in keinem muslimischen Land Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Sozialstaatlichkeit vergleichbar mit Standards des Westens. Die Folgerung daraus ist, dass Muslime nicht nur von der Wissenschaft und Technologie des Westens Nutzen ziehen sollten, sondern auch von den rechtlichen und demokratischen Erfahrungen.

Mein zweiter Irrtum war, dass ich das Tun radikaler Islamisten übersehen wollte, aus Furcht vor Zwietracht unter Muslimen. Heute weiß ich, die Muslime hätten an vorderster Stelle die Gewaltverbrechen von radikalen Gruppen verurteilen müssen, noch bevor der Westen dies von ihnen gefordert hat. Letztlich haben wir gemeinsam durch leidvolle Erfahrungen gelernt, dass politische Islamisten und neosalafistische Gruppierungen für Muslime und für alle Menschen eine große Gefahr sind. Diese Gruppen, die die Religion entkernt und sie zu einer gesellschaftsgefährdenden, menschenfeindlichen Ideologie pervertiert haben, sind gefährlicher als wir zunächst angenommen haben. Leider ist jede Kritik des Westens als ein Angriff gegen den Islam missverstanden worden.

Ein dritter Irrtum war zu glauben, dass kritisch denkende und autonom agierende Menschen von religiösen Gemeindestrukturen nicht ausgegrenzt würden. Wie kann eine Gemeinde aber demokratisch sein, wenn sie sich einem Personenkult verpflichtet fühlt? Die Muslime müssten sich fragen, welche Folgen die allgegenwärtige Gehorsams- und Gefolgschaftskultur in orientalischen Gesellschaften hat, weshalb ein kritisches Denken fehlt, weshalb ein „Scheich“ nicht hinterfragt wird, weshalb die Gemeinschaft auf Kosten der Entfaltung der Individualität gefördert wird.

Ein weiterer wichtiger Irrtum war zu glauben, dass die Religion alle Probleme lösen werde. Religion kann aber für das gesellschaftliche Leben kein gemeinsamer Nenner sein, eine Gesellschaft ist ihrer Natur nach heterogen, mit Menschen unterschiedlicher Identität, unterschiedlichen Weltanschauungen und Glaubensvorstellungen. Die Religion gehört zum privaten und individuellen Bereich. Daher kann der gemeinsame Nenner nur Recht und demokratische Prinzipien sein. Muslime sollten endlich neben ihrem religiösen Engagement auch diesen Bereichen ihre Aufmerksamkeit widmen und ein Bewusstsein dafür entwickeln. Als Religion kann der Islam zum friedlichen Zusammenleben der Menschen beitragen, er kann aber nicht ein sozialer Zement sein. Viele Prinzipien, die der Islam verkündet, sind universell; sie unterstützen Recht, Ethik und demokratische Prinzipien. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige Teile der Religion – in Abhängigkeit von Ort und Zeit – für eine Erneuerung anstehen.

Muhammet Mertek, Hamm

Letzte Aktualisierung: 13. Januar 2017
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